Ein Pflaster, dass beim Abreißen nicht weh tut, wünschen sich viele. Mein Ding ist das nicht. Ich will nach dem Sport Muskelkater haben, damit ich weiß, dass ich etwas getan habe. Ich will nach übermäßigem Alkoholgenuss Kopfschmerzen haben, damit ich mich beim nächsten Mal ein wenig zurückzuhalten weiß. Ich will, dass mir nach einem Konzertbesuch die Kehle vom Schreien und Jubeln weh tut, als Beweis dafür, dass ich den Spaß, den ich hatte, laut herausschreien konnte. Und ich will, dass da ein kleiner Stich im Herzen und ein häßliches dunkles Loch bleibt, wenn ein Mensch mein Leben verlässt und einen anderen Weg einschlägt.
Denn nur, wenn man von Anfang an weiß, dass es weh tun wird, wenn sich irgendwann die Wege trennen werden, hat die Begegnung mit einem Menschen das Potenzial etwas in einem zu bewegen, einen zu berühren und einem wertvolle Erinnerungen zu verschaffen.
Die letzten Sonnenstrahlen färben den Himmel zartgelb und rosa – zu kitschig für meinen Geschmack und doch irgendwie beruhigend schön -, während ich allein auf meinem Sofa sitze und darüber nachdenke, was ihn von IHM unterscheidet. Da ist dieser tolle Junge, den ich eigentlich wirklich toll finden sollte: Es tut gut, von ihm in den Arm genommen zu werden, ich kann mit ihm quasi über alles reden (sogar über die wirklich merkwürdigen Gedanken, aus denen ich zu 98% bestehe), er kann wirklich gut küssen, er sieht umwerfend aus und der Sex ist atemberaubend. Und trotzdem ist da… nichts. Und auch, wenn jetzt noch kein Ende in Sicht ist, weiß ich, dass es irgendwann kommt… und dass es dann nicht weh tun wird. Da wird keine Erinnerung an ein Essen mit Kollegen beim Mongolen mit viel leckerem Sushi, viel lachen und einem auffällig unauffälligen gemeinsamen Abgang bleiben. Kein außergewöhnliches Silvester und keine Geburtstagsparty wird in meinen Gedanken kleben bleiben, nach der er jammernd auf der Bettkante sitzt und am nächsten Morgen die Wohnung schrubbt, während ich in einem seiner T-Shirts auf dem Sofa sitze und Kaffee trinke. Keine gegenseitigen Bekundungen, wie großartig der andere ist. Keine Erinnerung an gemeinsame Dummheiten, die einem das Herz stocken ließen. Nichts wird bleiben. Gar nichts. Wie bei einem Pflaster, dass beim Abreißen nicht weh tut und nichts als verheilte Haut hinterlässt… ohne eine Narbe und ohne die Erinnerung an den fantastischen Sommertag, an dem man den Geschwindigkeitsrausch genoss, während man auf Inline-Skates den Berg hinunter jagte und sich so lebendig wie nie zuvor fühlte – bevor man fiel.


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